pavot rouge

18. August 2017

Verlaufen

Abgelegt unter: l'art — pavot rouge @ 15:45

Wir sagen es ihr einfach nicht. Oder wir erfinden. Die Realität ist modifizierbar, besonders, wenn man fünf Bier im Magen hat. Annika läuft vor uns, die enge Hüfthose zwinkert fast. Außerdem wirft sie ihre schwarzen Haare nach hinten. Das ist bestimmt ein laszives Signal. Gleich, in der nächsten Kneipe, werde ich sie fragen, ob sie mit mir tanzen geht, doch bis dahin müssen wir die Realität formen. Tom stupst mich an. “Rufst du auf diesem Fahrtenhandy an, Alter?” Ein dummer Anruf trennt mich von Annika. Von der Chance. Ich wähle, meine Finger zittern ganz leicht, die Nachtlichter der großen Stadt verschwimmen, im Hintergrund kichert der Rest meiner Truppe.

Die seufzend-konsequente Lehrerstimme meldet sich. Ich improvisiere die neue Realität. Wir haben uns verfahren. Meine Tante wohnt auch in Berlin. Sie ist Sozialpädagogin, weil Sozialpädagogen Vertrauen implizieren. Ja, sie holt uns ab. Am anderen Ende der Leitung werden Konsequenzen angedroht. Ausgehverbot, Elternanruf und all das, was eine freiere Interpretation der Regeln mit sich bringt. Der Hörer seufzt und keift fast, bemüht sich um die Reste der Sachlichkeit.  “Neue Sachlichkeit”, denke ich und lache fast. Der Deutsch-Leistungskurs taugt immerhin für Flachwitze. Jaja. Die Tante kommt gleich. Ich lege auf.

In der Kneipe riecht es nach klebrigen Holztischen. Wir bestellen weiter Bier. Annika sitzt leider woanders, sie unterhält sich lebhaft und ich fühle mich wie der letzte Idiot. Ich  kann sie nicht hören, ich sehe nur, wie sie ihr Haar zwirbelt, Strähne für Strähne. Vielleicht ist sie einfach nur neurotisch. Aber ihr perlweißes Lächeln lässt das Stimmgewirr für mich verschwinden. Die modifizierte Realität ist nicht nur eine imaginäre Tante. Sie ist auch Annikas Lächeln für mich allein.

Tom setzt sich zu mir. Wir bestellen Tequila. Morgen trinke ich einen Liter Wasser, dann merkt niemand, dass der Alkohol mir die Großstadt schmückte. Wir reden über Nichtigkeiten, der Abend verschwimmt. Auf dem Rückweg halt Annika sich woanders unter, aber ich bestaune immer noch ihre Perlzähne in der Nacht. Vielleicht wird sie morgen beim Frühstück an mir vorbeistolzieren, mit ihren nackten Knöcheln und der engen Hose. Vielleicht wird sie wissen, dass ich den Ärger auf mich nehme. Noch ein Tequila lässt mich zum imaginären Helden werden. Nur heute. Nur morgen. Vielleicht.

Wir sagen es ihr nicht. Im Hotel baut sie sich schon bedrohlich auf. Mit verschränkten Armen empfängt sie uns. Ich nehme alles auf mich, doch vergesse die Tante, nur noch sinnlose Wortbrocken verlassen meinen Mund. Alles dreht sich und ich kotze vor die Füße der konsequenten Lehrperson. Annika lacht ihr weißes Lachen, ihre Haare wirbeln nun allein. Alle anderen schweigen, das Schweigen summt fast in meinen Ohren. Wir sagen es ihr nicht.

Am nächsten Abend liege ich allein im Zimmer. Auf der weißen Decke klebt eine Nudel mit angetrockneter  Tomatensoße, vielleicht spielte man hier betrunkene Spiele in der letzten Woche. Manche werfen Teigwaren. Andere modellieren die Realität und leben mit den Konsequenzen. Ich puste nach oben. Die Nudel bleibt. Ich war ein Held und Annika wird es irgendwann bemerken. Ganz bestimmt.

17. August 2017

Sommer-Herbst

Abgelegt unter: champs de pavot, voyage, voyage — pavot rouge @ 11:58

Vor der Eisdiele steht niemand. Es tröpfelt und die Stereoanlage spielt schwermütige Musik. Es ist das Wetter für Waffeln und Kaffee mit Milchschaum. Dabei sollte doch Sommer sein. Sommerherbst im Anlauf.

Die letzten zwei Wochen zogen sich ein wenig unangenehm. Die gefürchtete Zahn-Operation ist überstanden, mein Durchhalten wurde mit einem wundervollen Hochzeitstag samt Dekadenz, Prosecco und M’era Luna- Stream belohnt. Magische sieben Jahre. Dreizehn zusammen. Die Märchenzahlen bringen Glück.  Seit Sonntag geht es aufwärts. Nach dem besten Ehemann weihte mein Weib mit mir den Balkon im Sommer ein, wir hörten ASP und Caught in the Act.

Gestern empfing mich Altena, am Fluss roch es sogar nach Urlaub, in der kleinen Fußgängerzone kredenzte man Pfifferlingsschnitzel und Eis mit Sekt. In der Burg drehten wir an Türen, auf der Terrasse memorierten wir manchmal alte Zeiten. Nur Sushi fanden wir nicht.

Ich mag diese Ferien und will sie wie immer nicht gehen lassen, auf mich warten drei Elternabende, der Austausch, eine neue Klassenleitung. Ich könnte noch vier Wochen Gedichte schreiben und im Schlafanzug Cornflakes essen. Das Gemüt ist wieder aufgeregt. Doch  auch gespannt und vorfreudig auf den Herbst.

10. August 2017

hiraeth

Abgelegt unter: voyage, voyage — pavot rouge @ 11:45

Das Wort “hiraeth” stammt aus Wales und beschreibt die Sehnsucht nach den verlorenen Orten der Vergangenheit, eine Nostalgie nach einer alten Heimat. Mein Herz zog ganz kurz und schlug dann freudig. Am Flughafen von Lyon hielt man mich für eine junge Dame. Willkommen zurück.  Auf den auvergnatischen Feldern schien die Sonne, die Katzen erkannten mich. Wir plauderten im Garten und konsumierten Unmengen von Eis und Mädchenfilmen mit und ohne Christian Grey. Es war schön bei Euch, erholsam und witzig, ich war voll mit Hundematsch, aber glücklich. In Clermont räumten wir les magasins leer und schleppten kiloweise Kosmetik umher. Es war wir früher, in Deiner Bochumer Wohnung, mit Pizza und “Grey’s Anatomy”. Unsere Freundschaft hat tatsächlich diese fast tausend Kilometer überlebt. Ich danke Dir und Euch für diese unvergessliche Woche vacances à la campagne und besonders für Sonntag. Je vous adore!

9. August 2017

ennui

Abgelegt unter: l'art — pavot rouge @ 20:05
Katzenohren,
Snapchatfilter,
Brei mit Reis.
Seifenopern,
Couchdecke
Wand, so weiß.
Saft mit Strohalm,
Langeweile
Späte Stund.
Mitleidblicke,
Schiefes Lächeln,
Naht im Mund.
Zeit zieht Fäden,
sie vergeht nicht
sie steht still.
Bin gezwungen,
festzukleben
Overkill.

28. Juli 2017

…but you have to live today!

Abgelegt unter: champs de pavot — pavot rouge @ 17:17

Wir sitzen draußen, um uns herum sprechen die Menschen meiner nun heimatlichen Großstadt. Wir reden über früher, über heute über jetzt, über die Vorlesungen, das türkise Wohnheim und doch über den Alltag, der uns vor Jahren noch taumeln ließ, wir sind damals hoch hinaus geflogen und auf verschiedene Weisen tief gefallen, als der Elfenbeinturm uns fast schlagartig verließ. In meinem Regal stehen unsere Publikationen, sie erinnern an die Götterwelt, über welche wir manchmal wehmütig seufzen und doch gehen wir ganz normal zur Arbeit, weil wir nicht die Götter sind, für die wir uns gemeinsam gehalten haben. Es ist auch gut so, wir mussten einfach erwachsen werden.

Unsere Freundschaft krankte oft an der Realität, fehlender Kommunikation oder Streitigkeiten und diesmal war ich tatsächlich nervös vor Deinem Besuch, wir waren ewig nicht mehr in Ruhe unterwegs. Doch als wir bei Casal Eis aßen, dann biertorkelnd durch die Straßen liefen, war es wie früher, als wäre mein Groll nicht gewesen, als hätte er sich einfach aufgelöst. Kein Schweigen legte sich über unsere Gläser, wir spielten mit dem blinkenden Fidget Spinner, den mir meine Klasse zum Abschied geschenkt hatte, wir sind doch nicht ganz erwachsen. Und wir hassen immer noch “Tauben im Gras”. Nun können wir uns teures Sushi leisten. Wofür ständig die alte Welt memorieren, wenn es im neuen Leben exquisite Makis gibt?

26. Juli 2017

Majorque

Abgelegt unter: voyage, voyage — pavot rouge @ 15:50

Mallorca war einfach wundervoll. Ich warf tatsächlich meine Vorurteile über Bord. Am anderen Ende der Stadt tobte die Party, wir schlenderten durch das mediterrane Palma, am Meer und an der Kathedrale vorbei. Auf dem Balkon konnte man über den Hafen blicken, es war warm und ich lief betrunken zum Hotel, zog meine Schuhe aus und sprang in den Pool auf der Dachterrasse, während die Sterne funkelten. Es war eine unglaubliche Zeit mit Dir. Jeden Abend saßen wir an unserem Platz, aßen à la carte und genossen das Leben. Auf dem Ballermann fühlten wir uns deplaziert, was uns jedoch nicht daran hinderte, gemeinsam ein wenig abzustürzen. Ich liebe Dich und vermisse diese Woche, unsere tausend Witze, Cerveza und Riesengarnelen zum Abendessen. Wenn ich alt bin, will ich mit Dir am Strand humpeln und Meeresfrüchte essen.

Dein Aua-Hai

21. Juli 2017

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Abgelegt unter: champs de pavot — pavot rouge @ 09:32

When my time comes
Forget the wrong that I’ve done
Help me leave behind some reasons to be missed
And don’t resent me
And when you’re f
eeling empty
Keep me in your memory
Leave out all the rest
Leave out all the rest

(Linkin Park – “Leave out all the rest”)

Lieber Chester Bennington,

So viele Jahre sind vergangen, seitdem ein Riesenposter von Dir meine Kinderzimmertür zierte. Ich habe Dein blondiertes zerzaustes Haar geliebt. Dein Gebrüll aus meiner alten Stereoanlage. Die rebellischen Texte. Irgendwann habe ich Dich aus den Augen verloren, aber Dein Einfluss ist geblieben, Du prägtest meinen Musikgeschmack, zeigtest mir Abgründe und ließest mich rebellieren. Nun hast Du Dich entschieden, nicht mehr in dieser Welt zu verweilen, Chester. Die Nachricht traf mich gestern, als das Apérol in meinem Kopf sang und ich hoffte, sie sei ein schlechter Scherz. Heute denke ich erschüttert an Dich. An all die Oberstufenmomente, meinen Exfreund, der wegen Deines Posters nicht in mein Zimmer kommen wollte, all die Textzeilen in meinen Heften. Ruhe in Frieden, Chester.

16. Juli 2017

Nachtwärts – reprise

Abgelegt unter: champs de pavot — pavot rouge @ 16:38

Wir stehen auf der Empore, der Boden unter uns ist klebrig, wahrscheinlich haben die sich verirrten Hipster Getränke verschüttet. Es ertönt Depeche Mode und ich bin wieder jung. Auf der schwarzen Tanzfläche geht mein Gehirn manchmal einfach aus, es schüttelt den Alltag ab und flüstert nostalgische Geschichten von früheren Parties oder der Bedeutung einiger Songs. Du tanzt neben mir und ich freue mich, dass wir zusammen feiern, dass Du glücklich bist, der Mojito lässt meinen Kopf schwirren und die letzten Wochen vergessen, ich schwimme im Moment, in den Synthies, in der Nacht. Die Nacht umfängt uns, wie in meiner Kurzgeschichte, nur ohne Masterboy. Wir tanzen, essen Cheeseburger und fallen in  den Morgen, der viel zu früh beginnt. Bochum verabschiedet uns wieder. Bis zum nächsten Mal. Ich hab’ Dich lieb, mein Dschatz.

3. Juli 2017

walking on both sides

Abgelegt unter: voyage, voyage — pavot rouge @ 19:10

Ach, cité de la victoire. Früher warst Du Fluch und Segen. Ich wünschte mich in Großstädte, sah mich an fremden Orten, wollte Dir so oft den Rücken kehren. Du warst zu klein, nicht mondän, ich hasste Deine Busse, Deine Wege. Ich liebte das Garagendach vor dem Haus meiner Eltern, den Spielplatz als Ort meiner ersten Zigarette und den Combi-Markt, den ich heimlich während der Schulzeit besuchte, die Geschichten, die ich mit meinem Weib erlebte, Hand in Hand in Ferndorf. Im Studium liebte ich das untere Schloss. Den Tequila, die guten Gespräche mit dem Kaffee aus dem Bistro. An der Universität war ich integriert, verstanden und doch zog mein Herz leise nach dem Asphalt der großen Stadt. Sonntags, wenn Ingo mich ins Meyer fuhr, malte ich meine Lippen rot und tanzte zu Combichrist, manchmal auf einer menschenleeren Tanzfläche. Obwohl ich Dich so hasste, verließ ich dich vor acht Jahren mit Tränen. Ich hatte Angst, dass meine Freunde mich verlassen, dass sich vieles ändert, ich dachte oft an das türkise Wohnheim, das linguistische Projekt und die Cup-Nudeln, die ein Jahr lang mein Grundnahrungsmittel waren (aber nicht häufig an den Mitbewohner, der auf dem Esstisch lag, während er telefonierte).

Acht Jahre später vermisse ich Dich tatsächlich beizeiten. Mir fehlt der Tee bei meinen Eltern, die sicheren Freundschaften, die mich gefühlt mein halbes Leben begleiten. Du hast Dich  gewandelt, der renaturierte Fluss öffnet und belebt dich merklich. An der Promenade hallen die Stimmen, abends eilen Menschen umher. Wenn ich wiederkehre, bin ich eine vertraute Fremde, ich bin dankbar, dass ich immer wundervoll empfangen werde, Du bist für mich zu einer nostalgischen Zauberwelt mutiert. Wenn diese dauerhaft wäre, ginge sie kaputt. So behalte ich all die Erlebnisse, freue mich und nostalgiere. Ich bin dankbar für meine Familie und meine ganz besonderen Freunde, die es ohne Dich, cité de la victoire nie gegeben hätte.

So tanzte ich in Deinem Herzen zu Lambada. Es erinnerte mich an die Datscha, an Russland. Daran, dass dort nur coole Mädchen Lambada im Sommer tanzten. Bei einem anderen Lied spulte die erste Kassette in meinem Kopf. Du bist wie ein gutes Mixtape.Vielen Dank für ein zauberhaftes Wochenende, mon amour de haine.

29. Juni 2017

chanter pour ceux

Abgelegt unter: voyage, voyage — pavot rouge @ 18:40

Der alljährliche Ausflug en Belgique machte mich wieder nostalgisch. Ich dachte an diese verrückte Zeit vor elf Jahren, die abgewetzten Straßen und die rot-gelben Busse in Mons oder Verviers. An diesen einen Tag, als wir von Valenciennes nach Quévrain fuhren, über die Grenze liefen und gefühlte Minuten später auf dem großen Platz in Bruxelles Döner aßen. Ich kaufte einen Schal mit roten Fäden. Und der Himmel war orange. Wie immer an Abenden in Nordfrankreich und Belgien. Gestern flirtete mich ein Müllmann an, der immer wieder nach meinem Facebook-Namen fragte. Ich fühlte mich fast wie in der Nuttenstadt, wo man  unter Vorwänden mein Lächeln lobte.  Die Waffeln und Schulgespräche störten meine Nostalgie zum Glück. Sonst hätte ich über meine alten Schuldgefühle nachgedacht. Aber vielleicht musste ich diesen Fehler begehen, damit ich lerne, dass mein Handeln Konsequenzen hat. In Nordfrankreich und Belgien fing ich an, erwachsen zu werden. Ich vermisse die Zeit, die wilden soirées. Das Radio im Bus und die Gummibärchen, die ich an Fenster klebte. Aber ich bin nun ruhiger, angekommen. Liège erinnert mich. Und erdet mich am Ende des Tages wieder.

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